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Fachschule für Obst-, Wein- und Gartenbau Laimburg

„Der Vorleser“ – Theaterpädagogische Aufarbeitung im Unterricht

04.11.2025 | News

Maturaklasse

Die Beschäftigung mit Bernhard Schlinks Roman Der Vorleser gehört seit Jahren zum festen Bestandteil des Deutschunterrichts in der Oberstufe. Um die komplexen Themen des Textes über das reine Lesen hinaus erfahrbar zu machen, arbeitete die Klasse in diesem Jahr gemeinsam mit einer Theaterpädagogin. Ziel war es, zentrale Motive wie Schuld, Verantwortung, Verschweigen und die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit nicht nur intellektuell, sondern auch körperlich-emotional zu begreifen.

Zu Beginn des Projekts standen Kennenlern- und Bewegungsübungen, die es den Schülerinnen und Schülern ermöglichten, Hemmungen abzubauen und sich spielerisch auf die Figuren einzulassen. Anschließend erarbeiteten sie in Gruppen Standbilder und kurze Szenen zu wesentlichen Momenten des Romans: das erste Treffen zwischen Michael und Hanna, das Vorlesen, Hannas Verschwinden oder das Wiedersehen im Gerichtssaal. Durch Improvisation bot sich Raum, eigene Interpretationen einzubringen und Fragen nach Motivation, inneren Konflikten und Beziehungen zu erforschen.

Besonders eindrucksvoll war die szenische Auseinandersetzung mit dem Gerichtsprozess. In Rollen wie Richter, Anwältin, Hanna Schmitz oder Zeug*innen verhandelten die Jugendlichen die moralischen und rechtlichen Dimensionen des Geschehens. Schnell wurde deutlich, wie schwierig die Bewertung individueller Schuld im historischen Kontext des Nationalsozialismus ist – und wie sehr Michael innerlich zwischen Loyalität, Liebe und moralischer Distanz schwankt.

Die theaterpädagogische Arbeit machte spürbar, dass Literatur mehr sein kann als Textanalyse. Die Lernenden erlebten Figuren und Themen unmittelbar und reflektierten anschließend in Gesprächsrunden sowie kurzen Schreibaufgaben ihre Eindrücke. Viele äußerten, dass sie den Roman nun emotional stärker nachvollziehen könnten und ein differenziertes Verständnis für Hannas Handeln und Michaels lebenslange Auseinandersetzung mit ihrer Vergangenheit entwickelt hätten.

Das Projekt zeigte eindrucksvoll, wie künstlerische Zugänge das Lernen bereichern: Durch das körperliche Spiel wird Empathie gefördert, historische Zusammenhänge werden greifbarer und diskutierbar. Der Vorleser wird so nicht nur gelesen – er wird erlebt. (sb)